Bauhaussiedlung Dessau-Törten: Geschichte und Architektur
Mit der Einfamilienhaussiedlung Törten schuf Walter Gropius zwischen 1926 und 1928 eine Versuchssiedlung, die beispielhaft für kostensparendes und funktionelles Bauen ist. Bedingt durch den enormen Wohnungsmangel entstanden in den 1920ern zahlreiche vom Staat geförderte Wohnsiedlungen. Sie boten zugleich ein Experimentierfeld für neue Fertigungs- und Siedlungsformen.
Auftrag, Zweck und städtebaulicher Kontext
Im Bemühen, die massive Wohnraumknappheit zu beseitigen, beauftragte die Stadt Dessau Walter Gropius im Jahr 1926 mit dem Entwurf und der Umsetzung der Siedlung Törten. Ursprünglich sollte die Siedlung nahe dem Bauhausgebäude entstehen, letztlich entschied sich die Bauherrin, die Stadt Dessau, für den preiswerten Bauplatz in Törten. Die Siedlung diente dem 1925 nach Dessau übersiedelten Bauhaus als Prototyp für einen preisgünstigen Massenwohnungsbau.
Törten war eine Versuchssiedlung und das in mehrfacher Hinsicht. So nimmt das städtebauliche Instrumentarium mit der spinnennetzförmigen Anordnung Anleihen bei Gestaltungsprinzipien der Gartenstadt, doch verweigert sich zugleich einer idyllischen Anmutung. Das bildete sich auch in den Strassennamen ab: Doppelreihe, Kleinring, Mittelring. Als «Hausbaufabrik» im Kleinen war Dessau Törten Teil der mit dem Reichsheimstättengesetz seit 1920 vorangetriebenen Förderung von Wohneigentum in der Weimarer Republik.
Bauabschnitte, Typen und Wohnangebote
In drei Bauabschnitten wurden drei verschiedene Grundtypen von Häusern umgesetzt - bezeichnet als SiTö I - SiTö IV. SiTö III kam nicht zur Ausführung. Sie unterscheiden sich in Grund- und Aufriss, Konstruktion und Ausstattung. In drei Bauabschnitten entstanden 314 Reihenhäuser, die je nach Haustyp zwischen 57 und 75 Quadratmeter Wohnfläche aufweisen. Insgesamt 314 Häuser mit einer Größe von nur 57 bis 74 Quadratmetern umfasste die Siedlung. Die hellen Kuben sind spiegelbildlich zu Doppelhäusern und zu Gruppen von vier bis zwölf Einheiten zusammengefasst.
Als erschwingliches Wohneigentum mit Garten zur Selbstversorgung sollten sie eine Alternative zu den Wohnbauten der Großstädte bieten. Alle Häuser verfügten über Nutzgärten mit einer Fläche von bis zu 400 Quadratmetern. Wohnen in der Siedlung Dessau-Törten sollte vor allem preiswert sein.
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Konstruktionsprinzipien und industrielle Arbeitsweise
Walter Gropius erprobte mit der Einfamilienhaussiedlung Dessau-Törten (1926-1928) neue kostengünstige Fertigungs- und Konstruktionsmethoden. Die Baustelle selbst wurde wie eine industrielle Taktstraße organisiert. Spezialisierte Arbeitsbrigaden bauten gleichzeitig mehrere Häuser in einem Bauabschnitt. Die serielle Fertigung der Bauteile vor Ort - überwiegend aus Beton und Schlackensteinen - und das enorme Bautempo hielten die Kosten niedrig.
Vor Ort wurden ganze Bauteile vorgefertigt, die man mit einer kleinen Bahn transportierte und mit Kränen bewegte. Tragende Wände wurden aus vorgefertigten Schlackenbetonhohlsteinen errichtet und die Decken aus armierten Stahlbetonträgern hergestellt. Die Konstruktion der Häuser ergab sich dabei aus der Prämisse preiswerten Bauens: tragende Wände aus vorgefertigten, preiswerten Schlackenbetonhohlkörpern, Decken aus armierten Stahlbetonträgern.
Gestaltung, Fassaden und Typische Merkmale
Um die Baukosten niedrig zu halten, wiesen die Bauten ein schlichtes Erscheinungsbild mit weiß verputzten Fassaden und kontrastierenden schwarzen Stahlfenstern und -türen auf. Bei der äußeren Gestaltung setzte Gropius - je nach Gebäudetyp - auf Sichtbeton und weiß verputzte Fassaden mit kontrastierenden schwarzen Metallfensterrahmen. Auffallend ist die Gliederung der Fassaden durch horizontale und vertikale Fensterbänder. Vorsprünge aus farblich abgesetztem oder materialsichtigem Beton betonen diese Ausrichtung zusätzlich.
Die zweigeschossigen, kubischen Gebäude bilden Doppel- und Reihenhäuser mit bis zu zwölf Wohneinheiten. Die hellen Kuben fasste Gropius zu Doppelhäusern oder in Reihen mit bis zu zwölf Wohneinheiten zusammen. Im Inneren der Häuser setzte man auf eine helle Farbgebung. In einer von zwei Musterwohnungen wurden Bauhaus-Möbel für die Einrichtung angeboten, etwa von Marcel Breuer.
Bauprobleme, Anpassungen und Nutzungsgeschichte
Kurz nach Fertigstellung zeigten sich jedoch Bau- und Planungsmängel, weshalb die Bewohner schon bald zahlreiche Veränderungen (vor allem bei der Fensteranordnung) vornahmen. Fehlende Schallisolierung, mangelhafte Wärmedämmung und Kondenswasser beförderten den Umbau bereits kurz nach Gropius’ Weggang aus Dessau. Häuser erhielten eine zusätzliche Ziegelfassade, Stahlfenster wurden durch kleinere Holzfenster ersetzt, die Eingänge mit Vordächern versehen. Im Laufe der Zeit verschwanden die Trockentoilette, man modernisierte Haustechnik und Installationen. Zahlreiche Häuser erhielten Anbauten und Garagen.
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Die Siedlung präsentiert sich heute nicht mehr in dem von Gropius ursprünglich vorgesehenen einheitlichen Erscheinungsbild. Die Bauten veränderten sich durch Umbauten und Renovierungen mit den Jahrzehnten und den Bewohnern. Trotz Jahrzehnten der Rotation der gesamten Raumorganisation der Siedlungshäuser und ihrer Fassaden erweist sich die städtebauliche Figur als erstaunlich robust. Neue Gliederungsvorschläge sind jedoch zu beobachten: So haben sich im Binnenraum der Doppelhäuser Verständigungen über Bepflanzung und Fassadengestaltung ausgebildet.
Erhaltung, Denkmalschutz und Restaurierungen
1977 kam die Siedlung auf die Denkmalliste. Ab den frühen 1990er Jahren wurden einige Häuser originalgetreu wiederhergestellt. Das Haus Anton ist jedoch weitgehend im Originalzustand erhalten und kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Haus Anton in der Dessauer Doppelreihe 35 ist ein unauffälliges Kleinod. Als einziges Gebäude in der experimentellen Bauhaussiedlung Törten ist es noch weitgehend im Originalzustand erhalten. 1926 errichtet, wurde das Haus vom Typ SieTö 1 nur behutsam an die Bedürfnisse seiner Bewohner angepasst und nie in größeren Umfang umgebaut.
Das Haus am Mittelring 38 wurde ab 1992 als Erstes originalgetreu wiederhergestellt. Es wird heute von der Moses-Mendelssohn-Gesellschaft genutzt und ist ebenso zu besichtigen wie das Haus Kleinring 5. Teil der Siedlung ist auch das 1928 ebenfalls von Walter Gropius entworfene Konsumgebäude, das heute als Informations- und Ausstellungsort für die Siedlung und die Stiftung Bauhaus Dessau dient. Walter Gropius‘ Konsumgebäude aus dem Jahr 1928 bildet heute den Einstieg in die Siedlungsgeschichte. Eine Dauerausstellung informiert hier über die Idee, die Vision, die Baugeschichte und die Bewohner*innen.
Weitere Bauhausbauten in Törten und Umgebung
In Dessau-Törten befinden sich darüber hinaus noch weitere Bauhausbauten: das Stahlhaus von Georg Muche und Richard Paulick, das Haus Fieger von Carl Fieger sowie die Laubenganghäuser, die unter Leitung des zweiten Bauhausdirektors Hannes Meyer von der Bauabteilung des Bauhauses umgesetzt wurden. Mit dem 1927 errichteten Stahlhaus am Rand der Gropius-Siedlung Dessau-Törten erprobten Richard Paulick und Georg Muche den Einsatz von Stahl im Wohnungsbau. Das markante Konsumgebäude wurde 1928 von Walter Gropius als Zentrum der Siedlung konzipiert. Im Flachbau war Raum für Gewerbeflächen, im Hochbau sind Personalräume, sowie Wohnungen und Gemeinschaftsräume untergebracht.
Bedeutung, Öffentlichkeit und heutige Nutzung
Die von Walter Gropius entworfene Reihenhaussiedlung in Dessau-Törten verkörpert die Intentionen der Bauhaus-Architektur: kostensparendes, funktionales Bauen für helle Wohnungen. Törten ist damit das größte jemals im Zusammenhang mit dem Bauhaus Dessau realisierte Bauvorhaben. Mehr als 300 Bauhausbauten gibt es in Dessau, wo die 1919 gegründete Kunsthochschule ab 1925 ihre Blütezeit erlebte. Dessau ist die Stadt, mit der das Bauhaus am stärksten verbunden ist. Gleich drei Stätten zählen zum UNESCO-Welterbe: Das Bauhausgebäude, die Meisterhäuser und die Laubenganghäuser.
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Besichtigt werden können im Rahmen einer Führung das Haus Anton oder das Haus Mittelring 38, der heute von der Moses-Mendelssohn-Gesellschaft e.V. genutzt wird. Die Siedlung war ein großes Experimentierfeld für die Forschung nach möglichst rationell zu erstellenden Wohnbauten. Es wurden neue Baustoffe getestet und auch die Bauabwicklung selbst wurde vollkommen neu organisiert, in Form der industriellen Fließbandproduktion.
Törten als lebendiges Denkmal
Die Siedlung war ein großes Experimentierfeld für die Rationalisierung und Typisierung im Hausbau, die die Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen unterstützte. Der gesamte Bauprozess und die in der Siedlung verbauten Materialien unterlagen einem strengen Monitoring. Solchermassen in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, sollten die damals vielfach publizierten Fotografien Dessau-Törtens den Zusammenhang der Einzelbauten und Reihenhäusern zu einem einheitlichen geordneten Ganzen darstellen, und die Logiken der Rationalisierung quasi künstlerisch vermitteln.
Dass die Siedlung schliesslich auch zu einem Experimentierfeld unterschiedlicher Rekonstruktionsansätze wurde, die die materialen Zeitspuren der Gebäude im Laufe ihrer Nutzungen ebenso respektiert wie ein mögliches Weiterschreiben in die Gegenwart und Geschichte als offenen unabgeschlossenen Prozess begreift, zeigt die heutige Vielfalt an Zuständen zwischen sorgfältiger Restaurierung und pragmatischer Anpassung an zeitgenössische Wohnbedürfnisse.
| Aspekt | Angaben |
|---|---|
| Bauzeit | 1926-1928 (erste Abschnitte), Fertigstellung in drei Bauabschnitten bis 1945 |
| Anzahl Häuser | 314 Reihenhäuser |
| Wohnfläche | 57-75 m² je Haus |
| Konstruktionsmaterialien | Beton, Schlackensteine, armiertes Stahlbeton |
| Typische Merkmale | weiße Fassaden, horizontale/vertikale Fensterbänder, serielle Fertigung |
| Denkmalschutz | Seit 1977 auf Denkmalliste; UNESCO-Kontext im Bauhaus-ensemble |
Die Siedlung Dessau-Törten bleibt ein zentrales Beispiel für die praktischen Anwendungen der Bauhausideen in großem Maßstab: die Verbindung von industrieller Produktion, funktionaler Wohnungsplanung und sozialen Zielsetzungen. Als „Versuchssiedlung“ dokumentiert Törten die Möglichkeiten und Grenzen frühen industriellen Wohnungsbaus sowie die langfristigen Herausforderungen von Erhalt und Anpassung moderner Architektur an veränderte Wohn- und Technikansprüche.
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