Milka Schokolade und die Lieferkette: Kinderarbeit, Kritik und Hintergründe
Rund die Hälfte des Rohkakaos in Deutschland kommt aus der Elfenbeinküste. Dort arbeiten oft Kinder auf den Plantagen. Kaum eine Süßigkeit ist bei Kindern so beliebt wie Schokolade. Der bittere Beigeschmack: Nicht nur beim Konsum, sondern auch bei der Produktion von Schokolade spielen Kinder eine große Rolle. Ausbeuterische Kinderarbeit ist im Kakaoanbau weit verbreitet.
Konkrete Fälle aus der Elfenbeinküste
Gerade mal 13 Jahre alt sind die Jungs, die auf einer Plantage im Südwesten der Elfenbeinküste Kakao ernten. Eine Schule haben sie seit drei Jahren nicht besucht, erzählen sie. Einer von ihnen sagt sogar, er sei überhaupt noch nie zur Schule gegangen. Die Jungen stammen aus Burkina Faso, einem Nachbarland der Elfenbeinküste. Ihre Eltern konnten sie nicht mehr ernähren und haben die Kinder deshalb in die Elfenbeinküste verkauft.
Alexandre Krah Yao ist einer der Farmer, die hier Kinder für sich arbeiten lassen. Er spricht ganz offen über das Geschäft. "Wenn ich mir ein Kind, zum Beispiel aus Benin, besorge, muss ich den Vermittler bezahlen", sagt der Farmer. "Das restliche Geld kriegt dann der Vater im Benin."
Wie weit reicht die Verantwortung der Industrie?
Die Schokoladenindustrie hat sich vor über 20 Jahren vertraglich verpflichtet, bis 2007 keine Kinderarbeit mehr auf den Kakaoplantagen zuzulassen. Doch halten sich die Konzerne daran? Eine heute veröffentlichte Studie belegt: Die Schokoladenindustrie hat ihr Versprechen gebrochen, Kinderarbeit zu reduzieren. Es ist eine kaum vorstellbare Zahl: Etwa 1,5 Millionen Kinder arbeiten in Westafrika unter ausbeuterischen Bedingungen auf Kakaoplantagen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des National Opinion Research Center (NORC) der Universität Chicago, die das US-Außenministerium beauftragt hatte.
Die Schokoladenindustrie hat das Ziel, Kinderarbeit zu reduzieren - zu dem sie sich selbst verpflichtet hatte - also klar verfehlt. In den letzten zehn Jahren hat die Kinderarbeit in der Branche nicht abgenommen. Wie viele leere Versprechen, wie viele gescheiterte Selbstverpflichtungen, wie viele Beispiele gravierender Menschenrechtsverletzungen braucht es noch? Wir sagen: Es reicht!
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Reaktionen und Programme: Cocoa Life und die International Cocoa Initiative
Im Auftrag der Kakaoindustrie soll die "International Cocoa Initiative" Kinderarbeit bekämpfen. Die Direktorin für Westafrika, Euphrasie Aka, muss aber eingestehen, dass es in der Elfenbeinküste noch immer viel Kinderarbeit gibt. Die Gestaltung einer nachhaltigeren Zukunft ist eine große Aufgabe. Deshalb sind wir stolz darauf, seit 2019 Partner von Cocoa Life zu sein, dem globalen Programm von Mondelez International für die Beschaffung von nachhaltig angebautem Kakao.
Bis 2025 beziehen wir 100% der Kakaomenge für unsere Schokolade über Cocoa Life, das globale Programm von Mondelēz International. Davon profitieren Kakao-Bäuerinnen und -Bauern in drei Kernbereichen: Schutz und Wiederaufforstung der Wälder; Kakao-betriebe: Spezielle Schulungsprogramme helfen den Bäuerinnen und Bauern, mehr aus ihrer Ernte herauszuholen; Förderung von Kakao-Farm-gemeinschaften: Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Regierungen, Partnerinnen und Partnern in der Kakao-Lieferkette und mit Nichtregierungsorganisationen stärken wir insbesondere Frauen und geben Kindern Zugang zu einer guten, qualifizierten Schulbildung.
Unterschiedliche Praxis: Dominikanische Republik vs. Elfenbeinküste
Ein positives Gegenbeispiel ist die Dominikanische Republik. Hier ist es gelungen, die Kinderarbeit zurückzudrängen. Rund 400 Euro im Monat verdienen die erwachsenen Männer, die hier auf den Feldern arbeiten. Das Wuppertaler Unternehmen GEPA, das der evangelischen und katholischen Kirche gehört, bezieht seinen Kakao aus der Dominikanischen Republik. Dafür zahle man "faire Preise", sagt Silvia Kurte von GEPA. In der Elfenbeinküste sei man momentan hingegen nicht aktiv.
Transparenz, Scorecards und unabhängige Bewertungen
Viele Schokoladenhersteller können oder wollen ihre Lieferketten nicht zurückverfolgen, um zu garantieren, dass bei der Produktion weder Menschenrechte verletzt noch Umweltzerstörung in Kauf genommen wird. Damit Verbraucher sich selbst ein Bild der Hersteller machen können, bewertet die sogenannte Schokoladen-Scorecard alljährlich Schokoladenhersteller hinsichtlich Umweltfreundlichkeit und fairer Produktion. Die Schokoladen-Scorecard wird - unterstützt vom WWF - von der Organisation Be Slavery Free herausgegeben. Als Grundlage für die Einordnung dienen Befragungen der Hersteller und Kakaoverarbeiter, wie der WWF schrieb.
2026 erscheint die Scorecard bereits zum siebten Mal. 49 Teilnehmer werden aufgelistet, darunter 34 große und mittlere Unternehmen, fünf kleine Unternehmen und zehn Einzelhändler. Auf den besten drei Plätzen der Chocolate Scorecard 2026 landen Halba (Schweiz), Tony’s Chocolonely (Niederlande) und Ritter Sport aus Deutschland. Dabei bewegt sich HALBA mit einer Gesamtwertung von 85 Prozent in allen untersuchten Kategorien im grünen Bereich. Tony’s Chocolonely mit einer Gesamtwertung von 83 Prozent weist Nachholbedarf in puncto Klima und Pestizideinsatz, und Ritter Sport befindet sich mit nur 71 Prozent trotz des dritten Platzes bereits nicht mehr im grünen Bereich.
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Bei den kleinen Herstellern setzt Original Beans neue Standards. Das niederländische Unternehmen erreicht mit einer Gesamtwertung von 90 den ersten Platz. In den Bereichen existenzsicherndes Einkommen und Pestizideinsatz werden die volle Punktzahl erreicht. Nachhaltiger geht nicht. Nur in Sachen Geschlechtergerechtigkeit bestehe Verbesserungsbedarf.
Kritik an großen Konzernen: Mondelēz, Milka und andere
Äußerst negativ fällt der US-amerikanische Megakonzern Mondelēz auf, der Marken wie Milka, Oreo, Toblerone, Cadbury, Marabou, Côte d'Or und Suchard produziert. Kritisiert werden erhebliche Datenlücken - insbesondere bei Kinderarbeit, der Bezahlung der Kakaobauern und beim Einsatz von Pestiziden. Milka und der Mutterkonzern Mondelez wurden in Berichten und von NGOs in Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung entlang der Lieferkette genannt. 2019 konnten in Indonesien rund 10.000 Brandherde mit Palmöl-Zulieferbetrieben von Mondelez in Verbindung gebracht werden. Aktuell läuft in den USA eine Klage gegen unter anderen Mondelez wegen Beihilfe zur illegalen Versklavung tausender Kinder auf Kakaoplantagen.
Die großen Schokoladenhersteller Ferrero, Milka, Storck, Nestlé und Lindt wollten der ARD kein Interview zum Thema geben. Auch andere Unternehmen teilen mit, dass man daran arbeite, Bedingungen zu verbessern und Kinderarbeit zu verhindern. Bisher ist das offenbar nicht ausreichend gelungen.
Marktchecks, NGO-Studien und Verbrauchertipps
In einem aktuellen Marktcheck in Österreichs Supermärkten hat sich Greenpeace auf die Suche nach umweltfreundlich und sozial verträglich produzierter Schokolade gemacht. Die Bilanz fiel äußerst negativ aus, denn die beiden Kriterien wurden nur von sechs Prozent der Tafelschokoladen erfüllt, dafür findet sich in fast jedem dritten Produkt die Zutat Palmöl, die wegen ihrer oft das Klima und die Artenvielfalt schädigenden Anbaumethoden in Verruf geraten ist.
Greenpeace untersuchte die Schokoladetafeln anhand von vier Kriterien: biologische Produktion, sozial fair produzierter Kakao, Freiheit von Palmöl und tierischen Bestandteilen. "Sechs von neun untersuchten Supermärkten wie Billa und Interspar bieten Tafelschokolade in Bio-Qualität an", bilanzierte Expertin Lisa Panhuber. Was die sozialen Standards betrifft, so suchte Greenpeace hier nach den Siegeln "Fairtrade", was für den Kakao einen garantierten Mindestpreis und den Einsatz gegen Kinderarbeit bedeutet, oder zumindest "Rainforest Alliance".
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Tipp: Auf gewisse Gütesiegel achten. "Zumindest das EU-Bio-Siegel mit dem stilisierten Blatt aus weißen Sternen müssen alle Produkte aus biologischer Landwirtschaft tragen. Möchte man tierische Inhaltsstoffe ausschließen, geben Siegel wie die Vegan-Blume oder das V-Label Sicherheit beim Kauf", lauten die weiteren Konsumententipps der NGO.
Rechtlicher Rahmen: Lieferkettengesetz und zivilrechtliche Haftung
Ein Lieferkettengesetz würde deutsche Schokoladenhersteller oder Unternehmen mit Niederlassung in Deutschland dazu verpflichten, gegen ausbeuterische Kinderarbeit vorzugehen. Sie müssten die Kinderarbeitsrisiken in ihren Lieferketten analysieren, Gegenmaßnahmen ergreifen und über deren Wirksamkeit berichten. Ein strenges Gesetz würde auch den Konsumenten die Wahlmöglichkeit für faire Produkte erleichtern, daher sei die österreichische Regierung dazu aufgerufen, sich für ein solches einzusetzen.
Andere EU-Länder sind schon in Vorlage gegangen: In Deutschland wurde im März 2021 ein Lieferkettengesetz auf den Weg gebracht, das große Unternehmen in Deutschland ab 2023 verpflichtet, gegen Menschenrechtsverletzungen und Umweltverstöße bei ihren weltweiten Zulieferern vorzugehen. Kritiker bemängeln jedoch, dass Umwelt- und Klimaschutz in dem geplanten Gesetz zu kurz kommen.
Die Bürgerinitiative für ein Lieferkettengesetz in Österreich fordert darüber hinaus ein Importverbot für Waren, die nachweislich unter Verletzung von Menschenrechten und Umweltstandards erzeugt wurden. „Nur weil irgendwer bereit ist dafür zu bezahlen, bedeutet das nicht, dass es legitim wäre ein Produkt unter Einbezug von Kinderarbeit, moderner Sklaverei und Naturzerstörung zu erzeugen. Es sollte künftig nicht mehr erlaubt sein, dass solche Produkte ins Regal gelegt werden“, so Veronika Bohrn Mena, Sprecherin der Bürgerinitiative und Vorsitzende der Gemeinwohlstiftung COMÚN.
Scorecard-Ergebnisse ausgewählter Hersteller (Auszug)
| Hersteller | Gesamtwertung | Bemerkungen |
|---|---|---|
| HALBA | 85% | Im grünen Bereich |
| Tony’s Chocolonely | 83% | Nachholbedarf bei Klima und Pestizideinsatz |
| Ritter Sport | 71% | Dritter Platz, aber nicht mehr im grünen Bereich |
| Original Beans | 90% | Beste Bewertung unter kleinen Herstellern |
| Storck | 39% | Sehr niedrige Nachhaltigkeitswertung |
| Mondelēz / Milka | niedrig / kritisiert | Erhebliche Datenlücken, Kritik bei Kinderarbeit und Entwaldung |
Was können Verbraucher tun?
- Achten Sie beim Kauf auf unabhängige Siegel wie Fairtrade, Rainforest Alliance oder das EU-Bio-Siegel.
- Informieren Sie sich über Scorecards und NGO-Berichte zur Transparenz von Herstellern.
- Bevorzugen Sie Hersteller mit nachvollziehbaren Lieferketten, existenzsichernden Preisen für Bäuerinnen und Bauern sowie Maßnahmen gegen Kinderarbeit.
- Unterstützen Sie politische Initiativen für strengere gesetzliche Vorgaben wie Lieferkettengesetze und Importverbote für Produkte, die Menschenrechtsverletzungen einschließen.
Die Schokolade, die wir genießen, hat eine komplexe Geschichte: Schon in Versailles am Hofe von Sonnenkönig Louis XIV. genossen die Menschen Schokolade. Damals teures Luxusgut, heute in jedem Supermarkt erhältlich. Doch nicht bei allen Marken kann man guten Gewissens sündigen. Viele Schokoladenhersteller geben nicht genügend Auskunft darüber, ob ihre Schokolade frei von Kinderarbeit, Armut und Abholzung ist und unter welchen Bedingungen der Kakao angebaut wurde. Nur Transparenz, verbindliche Gesetze und konsequentes Handeln entlang der Lieferkette können die Lebensbedingungen der Menschen in den Anbauregionen nachhaltig verbessern.
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