Schilddrüse und Zucker: Ein komplexes Zusammenspiel
Funktionsstörungen der Schilddrüse und Diabetes mellitus, die sogenannte „Zuckerkrankheit“, sind weit verbreitete Stoffwechselerkrankungen. Diese beiden Erkrankungen beeinflussen sich gegenseitig und können bei unzureichender Behandlung ungünstige Auswirkungen aufeinander haben.
Die Rolle der Schilddrüse und des Insulins
Die Schilddrüse, eine Hormondrüse von der Größe einer Walnuss und der Form eines Schmetterlings, befindet sich in der Mitte des Halses, unterhalb des Kehlkopfes. Sie besteht aus zwei Hälften (Lappen), die rechts und links neben der Luftröhre liegen und durch eine schmale Brücke miteinander verbunden sind. Die Schilddrüse produziert die Hormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4), die einen Jodanteil besitzen. Diese Hormone nehmen eine wichtige Steuerungsfunktion im Körper ein und beeinflussen zahlreiche Prozesse, darunter den Stoffwechsel, den Energieverbrauch, die Körperwärme, den Mineralstoff- und Wasserhaushalt, den Fettstoffwechsel, die Schweißproduktion und die Darmtätigkeit. Sie wirken auf Herz und Kreislauf, erweitern die Blutgefäße, beschleunigen den Herzschlag und regeln den Blutdruck. Außerdem sind die Schilddrüsenhormone für viele Wachstumsprozesse verantwortlich und steigern den Grundumsatz und Energieverbrauch des gesamten Organismus.
Das Hormon Insulin hingegen entsteht in der Bauchspeicheldrüse und transportiert den über die Nahrung aufgenommenen Zucker mit dem Blut in die Körperzellen.
Diabetes und Schilddrüsenfunktionsstörungen: Eine wechselseitige Beziehung
Sowohl Typ-1- als auch Typ-2-Diabetes treten oft zusammen mit hormonellen Fehlfunktionen der Schilddrüse auf, wie einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) oder -überfunktion (Hyperthyreose). Diabetes und veränderte Schilddrüsenfunktionen beeinflussen sich gegenseitig: Zum einen hat Diabetes Auswirkungen auf endokrine (Hormon-bildende und -freisetzende) Drüsen und damit auf die Schilddrüse, zum anderen haben Schilddrüsenfunktionsstörungen bei Menschen mit Diabetes Folgen für den Stoffwechsel. Dieser Zusammenhang wird oftmals unterschätzt. Menschen mit Diabetes leiden deutlich häufiger an Schilddrüsenerkrankungen als stoffwechselgesunde Menschen.
Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) und Diabetes
Bei einer Schilddrüsenunterfunktion bildet die Schilddrüse zu wenig von den Hormonen T3 und T4. Bleibt ein Mangel an Schilddrüsenhormonen unerkannt oder unzureichend behandelt, führt diese Situation zu einer verstärkten Insulinwirkung und zu einer gleichzeitig verringerten Zuckeraufnahme (Glukose) aufgrund eines trägen Darms. Menschen mit Diabetes sollten zudem wissen, dass eine Schilddrüsenunterfunktion die Insulinempfindlichkeit der Zellen erhöht. Das bedeutet: Der Zucker lässt sich besser aus dem Blut in die Zellen transportieren. Bei Menschen mit Diabetes hingegen führt eine manifeste, aber auch schon die subklinische Hypothyreose durch verschiedene Mechanismen (vor allem durch einen sinkenden Insulinbedarf und eine erhöhte Insulinsensitivität) zu einer deutlich verstärkten Hypoglykämieneigung. Die Normalisierung der Schilddrüsenunterfunktion durch eine Substitutionstherapie mit Schilddrüsenhormon führt zur völligen Stabilisierung der Stoffwechsellage und zur Normalisierung der Hypoglykämiehäufigkeit.
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Ursachen der Hypothyreose
In den meisten Fällen wird eine Schilddrüsenunterfunktion durch eine Autoimmunentzündung der Schilddrüse, die Hashimoto-Thyreoiditis, hervorgerufen. Diese Schilddrüsenerkrankung tritt übrigens häufiger bei Patientinnen und Patienten mit dem ebenso autoimmunologisch verursachten Diabetes mellitus Typ 1 auf. Aber auch eine vorangegangene Schilddrüsenoperation oder eine Radiojodtherapie können eine verminderte oder gar ausbleibende Schilddrüsenhormonbildung verursachen.
Symptome der Hypothyreose
Für den Blutzucker hat eine Unterfunktion der Schilddrüse erst einmal die Folge, das Zucker (z.B. auch aus Kohlehydraten) schlechter aus dem Darm aufgenommen und verwertet werden kann. Weil der Körper für seine Zuckerverwertung aber an anderer Stelle weiter Insulin zum Abbau des Blutzuckers produziert, kann das System Blutzucker aus der Bahn geraten - gerade für Menschen mit Diabetes kann das auch zu einer Unterzuckerungsneigung führen und gefährlich werden. Kurz gesagt: Die gesunde Verwertung von Lebensmitteln für den Energiestoffwechsel ist bei Menschen mit Schilddrüsenunterfunktion aus der Balance.
Zudem treten bei etwa 40 - 50 % der Hypothyreose Patienten depressive Zustände in unterschiedlichen Ausprägungen auf. Auch scheint eine Hypothyreose das Risiko für die Entwicklung einer Demenz zu erhöhen.
Hypothyreose und Cholesterinwerte
So kann es bei einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) durch den verlangsamten Stoffwechsel und den geringeren Energieverbrauch zu einem Anstieg des gesamten Cholesterinspiegels und insbesondere auch des „bösen“ LDL-Cholesterins im Blut kommen. Das wiederum fördert u. a. die Verkalkung der Blutgefäße.
Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) und Diabetes
Bei einer Schilddrüsenüberfunktion stellt die Schilddrüse zu viel von den Hormonen T3 und T4 her. Werden zu viele Schilddrüsenhormone produziert, stört dies die Blutzuckerverwertung des Körpers. Die Wirksamkeit des Hormons Insulin wird behindert und dadurch weniger Blutzucker in die Zellen geschleust. Gleichzeitig kommt es zu einer verstärkten Aufnahme von Zucker über den Darm, sodass die Blutzuckerwerte insgesamt ansteigen - ohne dass sich etwas an der Therapie des Diabetes oder den Lebens- und Essgewohnheiten geändert hat.
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Ursachen der Hyperthyreose
Auslöser für eine Schilddrüsenüberfunktion sind oftmals heiße Schilddrüsenknoten (autonome Adenome) oder die Autoimmunerkrankung Morbus Basedow. Letztere kommt bei Patientinnen und Patienten mit einem Typ 1 Diabetes ebenfalls häufiger vor.
Auswirkungen der Hyperthyreose auf den Glukosestoffwechsel
Der Glukosestoffwechsel bei Schilddrüsenüberfunktion wird insbesondere durch verstärkte Insulinresistenz sowie eine pathologische Glukagonfreisetzung und verstärkte Glykogenolyse in der Leber gestört. Die Veränderungen des Kohlenhydratstoffwechsels lassen sich nach Erreichen einer euthyreoten Stoffwechsellage durch eine entsprechende Behandlung der Hyperthyreose vollständig normalisieren.
Hyperthyreose und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Darüber hinaus ist bereits bei subklinischer Hyperthyreose vor allem das kardiovaskuläre Risikoprofil ungünstig beeinflusst - mit signifikant häufiger auftretenden Herzrhythmusstörungen, Tachyarrhythmien und Vorhofflimmern. Daher ist es von großer Bedeutung, auch die subklinische Schilddrüsenüberfunktion rechtzeitig zu diagnostizieren und immer suffizient zu behandeln.
Diagnostik von Schilddrüsenerkrankungen
Um eine Erkrankung der Schilddrüse feststellen zu können, bedarf es einer gründlichen Untersuchung des Organs. Der/die Ärzt:in verschafft sich zunächst in einem ausführlichen Gespräch einen Überblick über die auftretenden Symptome, Vorerkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen in der Familie und Essgewohnheiten.
Folgende Untersuchungsmethoden kommen häufig zum Einsatz:
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- Abtasten: Mit den Händen verschafft sich der Arzt einen ersten Eindruck vom Zustand der Schilddrüse. Bei vielen Patienten ist sie mehr oder weniger stark vergrößert - nicht immer ein Anlass zur Sorge.
- Sonografie: Der Schilddrüsen-Ultraschall ist das wichtigste bildgebende Diagnose-Verfahren, um Veränderungen an der Schilddrüse frühzeitig zu erkennen.
- Bluttests: Bei Verdacht auf eine Fehlfunktion der Drüse bestimmt ein Labor den sogenannten TSH‑Wert. Er gibt Auskunft darüber, wie stark der Körper die Produktion von Schilddrüsenhormonen anregt. Sein Anteil im Blut lässt Rückschlüsse darauf zu, ob die Schilddrüse richtig arbeitet. Bei Auffälligkeiten werden weitere Blutwerte überprüft.
- Szintigrafie: Dabei handelt es sich um eine nuklearmedizinische Untersuchung. Mittels eines schwach radioaktiven Markers lässt sich die Aktivität der Hormonfabrik bildlich darstellen.
Besonderheiten bei Diabetes mellitus
Bei Vorliegen eines Diabetes mellitus sollte an die Möglichkeit einer gleichzeitig bestehenden Schilddrüsenfunktionsstörung gedacht werden. Dies gilt verstärkt für Menschen mit einem Diabetes mellitus Typ 1. Besteht eine familiäre Häufung von Autoimmunerkrankungen, neigen die Patientinnen und Patienten ohne sonst ersichtlichen Grund zu Unterzuckerungen oder zu hohen Blutzuckerwerten. Es empfiehlt sich daher immer die Schilddrüsenfunktion zu kontrollieren. Zudem gilt besonders für Diabetikerinnen und Diabetiker der Rat, auf eine ausreichende Jodversorgung durch die Verwendung von jodiertem Speisesalz sowie den regelmäßigen Verzehr von Seefisch, Milch und Milchprodukten zu achten.
Regelmäßige Kontrollen und Screening
Aufgrund der Häufigkeit von Diabetes mellitus und Schilddrüsenerkrankungen mit Funktionsstörungen, die eine Mehr- oder Minderproduktion von Schilddrüsenhormonen bedeuten können, ist es für jeden behandelnden Arzt von besonderer Bedeutung, regelmäßig (mindestens einmal jährlich) und immer bei Veränderungen (unklare Verschlechterung der Stoffwechselkontrolle) eine Überprüfung der Schilddrüsenfunktionen zu veranlassen und möglichst frühzeitig eine adäquate Behandlung und somit Stabilisierung der Stoffwechselvorgänge herbeizuführen. Zusammenfassend ist festzustellen, dass aufgrund der erheblichen Auswirkungen der Schilddrüsenunterfunktion auf die Stoffwechselkontrolle ein regelmäßiges Screening, mindestens einmal im Jahr, für die Schilddrüsenfunktion (Serum-TSH) und die für die Autoimmunthyreoiditis spezifischen Antikörper (TPO-Antikörper, Antikörper gegen die Schilddrüsenperoxidase) durchgeführt werden muss. Dies gilt vor allem für insulinpflichtige Diabetiker mit einer verstärkten Hypoglykämieneigung und für Frauen im mittleren bis höheren Lebensalter - im Hinblick auf das gehäufte gemeinsame Auftreten des Typ-1-Diabetes mit einer Autoimmunthyreoiditis und die hohe Prävalenz der Autoimmunthyreoiditis.
Besondere Lebenssituationen
Besondere Aufmerksamkeit mit entsprechenden Kontrollen der Schilddrüsenfunktion (Serum-TSH) sowie der Autoantikörper (TPO-Antikörper) muss Frauen mit Diabetes, insbesondere Typ-1-Diabetes, im Verlauf der Gravidität und Stillperiode gewidmet werden. Aktuelle Daten zeigen, dass bei Frauen mit Typ-1-Diabetes signifikant häufiger Autoimmunthyreopathien (Hyperthyreose Morbus Basedow, Hypothyreose bei Autoimmunthyreoiditis) auftreten.
Es ist von großer Bedeutung, bereits bei der Familienplanung nicht nur die Stoffwechsellage bezüglich des Diabetes zu optimieren, sondern auch in jedem Trimenon die Schilddrüsenfunktion und den Antikörperstatus zu überprüfen. Das signifikant häufigere Auftreten einer Post-partum-Thyreoiditis bei Frauen mit Typ-1-Diabetes macht deutlich, dass in dieser Phase vor allem bei unklarer Hyper- oder Hypoglykämie eine Schilddrüsenuntersuchung erfolgen muss, um gegebenenfalls eine Hyper- oder Hypothyreose zu behandeln und die Therapie entsprechend anzupassen.
Polyglanduläre Autoimmuninsuffizienz
Das gleichzeitige Vorkommen verschiedener organspezifischer Autoimmunerkrankungen wird als polyglanduläres Autoimmunsyndrom bezeichnet und umfasst als PAS Typ 2 insbesondere Autoimmunthyreopathien, Typ-1-Diabetes, Vitiligo und einen Morbus Addison, das heißt eine Nebennierenrindeninsuffizienz.
Von Bedeutung für die klinische Praxis ist es, bei Menschen mit Typ-1-Diabetes grundsätzlich weitere Autoimmunendokrinopathien diagnostisch zu überprüfen. Für das PAS Typ 2 stehen bei Typ-1-Diabetes vor allem die Suche nach Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse und eine Nebennierenrindeninsuffizienz im Vordergrund.
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