Coppenrath Verlag: Geschichte, Profil und die prägende Rolle von Wolfgang Hölker
Wolfgang Hölker wird heute 70 Jahre alt. Im Jahr 1995 betrug der Umsatz noch 11 Millionen Euro, heute sind es über 70 Millionen Euro. 1768 gründete Josef Heinrich Coppenrath den Coppenrath Verlag, der 1977 von dem jungen Grafiker & Verleger Wolfgang Hölker übernommen wurde. Der Münsteraner Verleger hatte sich nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann mit einer Werbeagentur und einer Kunstgalerie selbständig gemacht. Nach der Schulzeit absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung zum Verlagskaufmann und war mit der Akquisition für das In- und Ausland betreut.
Als 20-Jähriger verwirklicht Hölker zunächst seine Leidenschaft für Kunst als Galeriebesitzer, allerdings ohne kommerziellen Erfolg. Anschließend eröffnete er mit seinem Freund, Klaus Steinrötter, die Galerie „67“ und gründete 1974 eine eigene Agentur, die noch im gleichen Jahr den „Artdirectors Award“ für das „Kochbuch aus dem Münsterland“ gewann. Mit dem Verkauf von regionalen Kochbüchern hat Mitte der 70er Jahre alles angefangen. 1975 gründete er den Wolfgang Hölker Verlag, nachdem er eine Idee aus den Niederlanden, ein Kochbuch mit Fettflecken und handschriftlichen Notizen, erfolgreich für den deutschen Buchmarkt adaptierte hatte. Als 24-Jähriger gründet er den Hölker-Verlag, in dem er sich auf Kochbücher mit regionalen Rezepten spezialisiert. Schon hier betritt Hölker neue Pfade, in dem er jedem Buch eine besondere Note gibt, sei es durch gedruckte Fettflecken oder Salzkrümel.
1977 übernimmt er mit 29 Jahren als Inhaber und Geschäftsführer den Coppenrath Verlag, der bis dato in provinziellem Rahmen volkstümliche Literatur aus Westfalen und Doktorarbeiten herausbrachte. Denn da er neben den Kochbüchern noch voller Ideen steckte, übernahm er 1978 den traditionsreichen Coppenrath Verlag, den er auf gänzlich neue Wege brachte. Zu den ersten Kinderbüchern gehörten die „Vogelhochzeit“ von Antje Vogel: ein in Leinen gebundenes Buch mit klassischen Kinderliedern. Schon damals war es Wolfgang Hölker wichtig, Bücher zu machen, die Kindern Spaß machen - und so kam er auf den Gedanken, auf den Bucheinband eine Mundharmonika zu befestigen. Damals erschien der Gedanke „verrückt“, neben Büchern auch Teddybären zu verkaufen.
Beim Betreten des umgebauten Kornspeichers im Münsteraner Hafen, der den Coppenrath Verlag beherbergt, wird klar: Hier vereinigen sich auf wundersame Weise Tradition und Moderne. Altes Gemäuer, durch dessen Stockwerke ein gläserner Fahrstuhl schwebt; der Blick in die Etagen eröffnet jeweils neue Welten. Liebevoll zusammengestellte Sammlerstücke, Antiquitäten, Stofftiere, Bücher, alte und moderne Kunst - eine kreative Augenweide. Die Verlagsgebäude und deren Einrichtung atmen förmlich: Der Besitzer, der von Außenstehenden gern auch mehr oder weniger ironisch als „Gutsherr“ oder „Patron“ bezeichnet wird, weiß, wie er seine Träume verwirklichen kann. Für sein Büro, das eher als Saal zu bezeichnen ist, hat er einen riesigen Teppich nach Vorbild einer alten Landkarte aus dem 17. Jahrhundert anfertigen lassen. Ein Hauch von Afrika weht durch die Einrichtung, kombiniert mit gigantischen flämischen Gemälden.
Der Mann, der dieses Spannungsfeld spielend beherrscht, ist Verlagsinhaber Wolfgang Hölker, Chef von Hase Felix, Lillifee, Capt’n Sharky, dem Mondbär oder den Lieben Sieben. Kaum eine Familie mit Kindern entkommt der Macht der Feenwelt in Rosa. „Es macht mich immer noch stolz, wenn ich ein Mädchen mit Lillifee-Rollkoffer am Flughafen sehe. Aber ohne die gute Geschichte dahinter hätten unsere Non-Book-Produkte nicht diesen Erfolg“, beharrt Hölker. Die Fakten sprechen für sich: Nahezu die Hälfte des Umsatzes generieren sich aus Merchandisingprodukten wie Bettwäsche, Brotdosen, Geschirr, Plüschtieren, Haarspangen & Co.
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Seit den 1990er Jahren stellt der Verlag mit der Edition „Die Spiegelburg“ eine spielerische Verbindung zum Buchprogramm her. So tauchen die Bilderbuchhelden als Plüsch, auf Spielen sowie Schulartikeln auf. Die Münsteraner profitieren von der Dynamik in der Kinder- und Jugendbuchbranche. Laut „Trendbericht 2010“ des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, des Arbeitskreises für Jugendliteratur und der Stiftung Lesen wuchs der Umsatz mit Kinder- und Jugendbüchern um 11,1 Prozent, im Vergleich dazu der Gesamtbuchmarkt nur um 2,8 Prozent. Die Verlagsprodukte sind inzwischen weltweit erfolgreich. Auf dem Münsterländer Sofa saßen bereits Araber, in Israel sind einige seiner Bücher auf der Bestsellerliste, und in Japan hat im Sommer der erste Coppenrath-Spiegelburg-Shop eröffnet, der auch die Asiaten in Märchenwelten made in Münster entführen soll.
Die Geschichte des Coppenrath Verlags liest sich wie eine große Erfolgsgeschichte, auch wenn Wolfgang Hölker da „gern die Kirche im Dorf lässt“. Er betont gern gerade jungen Leuten gegenüber, wie wichtig Misserfolge seien - hier bahnt sich der Mutmacher wieder seinen Weg. Er ist zuversichtlich, dass sein Verlag weiter den Nerv der Kinder trifft. Von Ruhestand ist keinesfalls die Rede. Unumwunden räumt der Verlagschef ein, dass sein Erfolg, sein „Machertum“ tatsächlich viel mit Existenzangst zu tun haben: „Ich habe ganz viele schlaflose Nächte gehabt und jede Menge Misserfolge.“
„Kreativität ist die Addition von Information. Die Umgebung muss stimmen und die Kommunikation miteinander“, bringt Hölker seine Arbeitsphilosophie auf den Punkt. Das kreative Umfeld, das er erschafft, inspiriert auch die Mitarbeiter, da ist er sich sicher. Die Rolle, in der sich der Verlagschef am liebsten sieht, ist die des Mutmachers. „Ich gestehe jedem Mitarbeiter eine hohe Fehlerquote zu, das ist für die Kreativität enorm wichtig“, was eine Verlagsmitarbeiterin bestätigt. Doch Hölker fordert auch viel von seinen zu 80 Prozent weiblichen Mitarbeiterinnen. Das viel zitierte „Managment by love“ sei absurd, immer wieder betont er, dass der Erfolg auf harter Arbeit, auf Maloche beruhe. „Aber ich kann auch gut loben“, lobt er sich selbst. Mit einem Augenzwinkern bedauert er, dass seine hochqualifizierten Mitarbeiterinnen dauernd schwanger werden. Deshalb richtet er jetzt einen Betriebskindergarten ein, genug Bücher und Spielzeug gibt es ja.
Seine Großfamilie hat er sich mit dem Verlag geschaffen. Seit 15 Jahren ist der Coppenrath Verlag kontinuierlich gewachsen. 1999 arbeiteten 20 Mitarbeiter im Verlag, die Zahl stieg 2006 auf 80 Mitarbeiter und ist mittlerweile auf rund 140 Mitarbeiter angewachsen. Heute leitet er das in Münster ansässige Familienunternehmen mit über 180 Mitarbeitenden gemeinsam mit seinen Töchtern Johanna und Louisa Hölker sowie Dr. Lambert Scheer und Dr. Burkhard Scheer. Wie die Strukturen mitwachsen lassen, ohne dass die Kreativität leidet? „Ich nehme jeden Mitarbeiter in die Verantwortung. Jeder ist sein eigener Unternehmer. Es sind immer drei Leute, die für eine Sache stehen, und die Ergebnisse kann man sehr gut kontrollieren nach einem Jahr.“ Er betont auch die Kontinuität des Wachstums, die eine Anpassung der Strukturen auf sanfte Art möglich gemacht hat.
| Person | Rolle im Verlag | Profil / Beitrag |
|---|---|---|
| Wolfgang Hölker | Gründer/Verleger | Übernahm Coppenrath 1977/78; formte Marke, Merchandising-Strategie, kreative Leitung |
| Johanna Hölker | Teil des Unternehmens (seit 2014) | BWL-Studium, Trainee, Master; Entscheidung für aktive Mitarbeit |
| Louisa Hölker | Co-Leitung Grafik, Geschäftsleitung | Studium Visuelle Kommunikation, Erfahrung in New York & Berlin, kreative Leitung |
| Dr. Lambert Scheer | Geschäftsführung/Gesellschafter (seit 2012) | Internationales Management, Promotion, strategische Leitung Tochtergesellschaften |
| Dr. Burkhard Scheer | Kfm. Leiter (seit 2021) | Rechnungswesen, Import/Zoll, Personal, Schnittstelle zur Distribution |
Als einer der wenigen Verlage leistet sich Coppenrath die Festanstellung von 15 Grafikerinnen und Grafikern, anstelle bei Bedarf auf freie externe Mitarbeiter zurückzugreifen. Was erstaunlich ist: Eine separate Marketingabteilung gab es lange Zeit nicht, auch wenn die schnurrende Merchandisingmaschinerie anderes vermuten lässt. Die Strategie, auf Anzeigen oder Spots zu verzichten und sich stattdessen auf die Händler zu fokussieren, ging auf. Die Produktion von Displays und Aufstellern für die Buchgeschäfte trifft ins Schwarze und wird den Vertretern aus den Händen gerissen.
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Die Münsteraner profitieren von einem Gespür für Trends und der intensiven Zusammenarbeit mit großartigen Autorinnen und Autoren, Fotografinnen und Fotografen und anderen kreativen Köpfen. Durch dieses Zusammenspiel entstehen einzigartige und besonders schöne Bücher, die die Begeisterung für kulinarische Genüsse in die Küche tragen sollen. Denn Hölker-Kochbücher möchten viel mehr als nur Rezepte liefern: Sie entführen in fremde Welten und bieten Inspiration für einzigartige Geschmackserlebnisse.
Die Segmente Feine Papeterie und Geschenkbuch werden breit bespielt. Weitere Schwerpunkte sind Bücher für die Kleinsten, Kreativbücher, Bilderbücher, Kinder- und Jugendbücher, Alben und Adventskalender. So wurden die Bücher vom reiselustigen Hasen bislang über 7 Millionen Mal verkauft. „Bewerten Sie uns nicht über, wir sind eine kleine Nische im großen Büchermeer. Die Geschichte des Coppenrath Verlags liest sich wie eine große Erfolgsgeschichte, auch wenn Wolfgang Hölker da „gern die Kirche im Dorf lässt“.
Privat ist er verheiratet mit der Modedesignerin Siggi Spiegelburg, die der Edition „Die Spiegelburg“ den Namen gab. Gemeinsam haben sie zwei Töchter - Johanna und Louisa Hölker - sowie drei Enkelkinder. Der private Familienwohnsitz bei Münster ist eine Art Wasserburg, Pferde und Kutschfahrten zur Entspannung inklusive. „Am liebsten hätten wir einen ganzen Stall voll gehabt.“
Verleger, Unternehmer, Entdecker, Immobilien-Visionär - Galerist mit gutem Willen. Ein bisschen ist er wie Asterix & Obelix zusammen, und das kleine Münsteraner Dorf strahlt durch ihn in die Welt und zurück, und wenn man so einen Ruhm und Ruf hat und das Lokale zum Globalen befördert hat, dann regnet es ab der Mitte des Lebens auch Orden und Auszeichnungen. Da deren Auflistung jetzt nochmal 45 Zeilen gebraucht hätte und Wolfgang das auch eher egal ist, nenne ich lieber doch nur zwei von ihm mit Herzblut betriebene Ehrenämter, die überraschen: die Förderung des Boxzentrums Münster e.V. und, dass er Vorstandsmitglied des westfälischen Reitervereins ist.
Die Erweiterung der Verlagsräume im Kornspeicher um die alte Feuerwache war nicht von heute auf morgen notwendig, sondern konnte in Ruhe vorgenommen werden. Der Mann, der den Wert alter Dinge liebt, ohne Traditionalist zu sein, und ein Schild in seinem Büro hängen hat, auf dem steht: „Mein Job besteht darin, Veränderungen möglich zu machen.“ Scheinbare Gegensätze lösen sich auf und ergeben ein harmonisches Ganzes. „Wenn ich möchte, dass das Wackelschweinchen am Ende rot ist, dann ist das auch so, dafür sind wir ein Familienbetrieb.“
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